« Coming Out in der Agrargenossenschaft | Hauptseite | Kühler Blick auf Atomkraft »

Die Queen ist weg, Obama kommt

von Jürgen Schneider

obama_sodabread.jpg

Die Queen ist aus Irland abgereist. Ihre Rede beim Staatsbankett am Mittwochabend wird als »historisch« gehandelt, auch hierzulande. In der »FAZ« hieß es, die Visite von Elizabeth Windsor sei vergleichbar mit Auftritten Adenauers in Paris oder Brandts in Warschau. Der Kniefall von Willy Brandt, der wegen seines Widerstandes gegen die Nazis in den westdeutschen Leitmedien häufig als »Vaterlandsverräter« beschimpft wurde, war in der Tat historisch. Aber was hat Ihre Majestät denn in Dublin gesagt? Hat sie sich für die mit der Kolonisierung Irlands einhergehenden Verbrechen entschuldigt? Hat sie den Rückzug der britischen Truppen aus Nordirland angekündigt, ihren Anspruch auf die nördlichen Grafschaften Irlands aufgegeben? Hat sie die Aufklärung der Bombenanschläge von Dublin und Monaghan in Aussicht gestellt, in die Ihre Agenten involviert waren und bei denen 34 Menschen starben? Nichts von alledem. Es sei die »bedauerliche Realität«, dass beide Länder gelitten hätten, sagte sie. »Diese Ereignisse haben uns alle berührt, und ich fühle mit allen Betroffenen. « Im Nachhinein sehe man »viele Dinge, von denen wir wünschten, wir hätten sie anders oder gar nicht gemacht«. Wir wünschten, sie hätte es anders gemacht.

Sie hätte bereits vor einem Jahr ihre diplomatischen Untertanen, die in Dublin Dienst tun, anweisen können, an der offiziellen Gedenkfeier des irischen Staates für die Opfer der Großen Hungersnot von 1840-45 im Murrisk Millenium Park am Fuße des heiligen Berges Croagh Patrick teilzunehmen und entschuldigende Worte dafür zu finden, dass die damalige Regierung in London wenig bis gar nichts unternahm, um das Verhungern hunderttausender Iren zu verhindern. Au contraire. Die Diplomaten zogen es im Mai 2010 vor, der Gedenkfeier ganz fern zu bleiben.

Doch zurück zur »FAZ«: »Nur Sinn Fein, die Partei der einst militanten irischen Republikaner, besteht dringend auf dem Anschluss des Nordens an die Republik. Sinn Fein hatte bei den jüngsten Wahlen im Norden wie im Süden Irlands zwar durchaus neue Erfolge, aber nicht aufgrund ihres Wiedervereinigungspathos, sondern ihrer simplen sozialen Forderungen.« Sinn Fein sucht gar nicht so dringend den Anschluss Nordirlands an die Republik, und wenn, wäre die FAZ, deren Pathos ob des Anschlusses der DDR an die BRD nach wie vor Blüten treibt, das letzte Blatt, das Gerry Adams & Co. die Wiedervereinigungsgedanken vorzuwerfen hätte. Und soziale Forderungen schon gar nicht.

Ärger mit seinen Parteigenossen hat der Sinn-Fein-Bürgermeister von Cashel, weil er die Queen die Hand gab und ihr einen angenehmen Aufenthalt wünschte.

Am Montag nun kommt US-Präsident Obama nach Irland. Der Höhepunkt seines Besuches wird der Besuch des Dorfes Moneygall in der Grafschaft Offaly sein, aus dem Obamas Vorfahren mütterlicherseits einst in die USA emigrierten. Der US Secret Service bereitet den Besuch seit langem vor, hat aber wohl nicht mit dem zu allem entschlossenen Feind namens Wetter gerechnet, der den Back-to-the-roots-Trip in die Grafschaft Offaly in Frage stellt. Die Wettervorhersage lautet: starker Regen und heftige Winde. Letztere könnten dafür sorgen, dass Marine One, der Helikopter des Präsidenten, am Boden bleiben muss. Dann müsste Obama per Automobil gen Moneygall reisen. Dies könnte aber zu viel Zeit in Anspruch nehmen und Obamas Besuchsprogramm durcheinander bringen. Ein Vorausteam brauchte eine Stunde und 42 Minuten von Dublin bis ins Dorf der Obama-Ahnen.

Dort fragt man sich, was am Montag passieren wird. Das genaue Besuchsprogramm wird geheim gehalten. Anstreicher haben das Dorf in neue Farben getaucht, Stars & Stripes inklusive. Die Kinder des Dorfes spielen US Secret Service, tragen dunkle Sonnenbrillen und bewachen symbolisch das Haus der Obama-Ahnen. Die Andenken-Produktion blüht. Es gibt Obama-Handtücher, Obama-Tassen, Obama-Brown Bread und Obama-T-Shirts Besonders stolz ist man in Moneygall, das irisch Muine Gall heißt (und soviel wie »Dickicht derer aus der Fremde« bedeutet), auf das T-Shirt mit der Aufschrift »Is féidir linn«: »Yes we can«. Is féidir linn ist allerdings auch der Name einer irischen Gruppe, die sich für ein alternatives ökonomisches und politisches System einsetzt und angesichts der hohen Verschuldung Irlands ein Bail-out fordert. Und für einen Schuldenerlass wäre Obama kein ungeeigneter Ansprechpartner, zumal, wie der irische Schriftsteller Colm Toíbín im »Guardian« beklagte, Sarkozy und Merkel sich in naher Zukunft wohl nicht in Irland blicken lassen werden.

Am Montagabend wird Obama auf dem Gelände des Dubliner Trinity College eine Rede halten – in einer Panzerglaskonstruktion. Der Rede sollen alle Bürger beiwohnen dürfen. Die »Öffentlichkeit«, mit der Elizabeth Windsor sprach, waren Lebensmittelhändler in Corks English Market und ein paar Kinder der einstigen »Rebel City« im Süden Irlands.

(21.05.2011)

Teil 1: Bier der Marke Secret Service – Elizabeth Windsor und Barack Obama zu Besuch in Irland
Teil 2: »Was sind schon 800 Jahre Unterdrückung unter Freunden?« – Elizabeth Windsor in Irland
Teil 3: Die Queen auf der Smaragdgrünen Insel: »Töten Sie Menschen?«
Teil 4: Die Queen ist weg, Obama kommt

A.S.H. | 21.05.11 20:43 | Permalink