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“Pink Taxi” von Uli Gaulke

Der Blick der Frauen
Für ostblog.de von Angelika Nguyen

Am Anfang war die Neugier auf Moskau. Regisseur Uli Gaulke, Jahrgang 1968, trieb es nach früheren Dokumentationen in vielen Teilen der Welt diesmal zur einstigen sowjetischen Hauptstadt .

Wie haben sich Perestroika und Kapitalismus ausgewirkt? Wie kommen die Menschen damit zurecht, vor allem: die Frauen? In einer Frauentaxifirma schließlich fand Uli Gaulke Marina, Alla und Viktoria, etwa Mitte 50, drei Taxifahrerinnen von “Pink Taxi”. Entstanden sind drei behutsame Porträts.

Marina mit den Grübchen ist die fröhlichste, die charmanteste der drei, Viktoria die patente mit dem besten Schutzpanzer, Alla die bittere, die traurigste. Die Fahrzeit vertreiben sich die Frauen in Gesprächen mit ihren Gästen, die laut Geschäftsordnung ausschließlich Frauen sind. Der Name “Pink Taxi” ist bei der Taxifirma nämlich Programm: Pink, Rosa - die Farbe der Weiblichkeit. Frauen fahren Frauen. In 22 Taxis unter drei Millionen Autos in der Metropole Moskau. Die Fahrerinnen haben die Taxis 48 Stunden hintereinander und ruhen sich hinterher 48 Stunden aus. Ein Knochenjob, nichts für Zarte. Zwischendurch mal drei Stunden Schlaf im Auto.

Für seinen Film nutzte der Regisseur ganz bewusst die Stärken weiblicher Kommunikation. “Da Frauen nun mal mehr Gefühle zeigen können als Männer, widme ich ihnen meine ganze Aufmerksamkeit.” Das Taxi bezeichnet Uli Gaulke als Entschleunigungsmaschine in dieser rasanten Stadt. Für eine halbe Stunde sind die Frauen im Taxi jenseits von allem, auch der sozialen Schranken zwischen Arm und Reich, reden offen miteinander. Das Spektrum der Frauen, die sich ein “Pink Taxi” leisten können, reicht vom gehobenen Mittelstand bis ganz reich, Anwältinnen, Managerinnen und eine echte Ölbarontochter sind darunter.

Marina, Alla und Viktoria sind die auf der anderen Seite der Schranke, sie sind einfache Dienstleistende. Themen sind Arbeit, Damenunterwäsche, Flugpreise und natürlich Männer. Eine erzählt von ihrer bevorstehenden Hochzeit und ihrem Traumjob. Alla betrachtet sie aufmerksam im Rückspiegel. Eine Managerin, die gerade aus Mailand kommt, erzählt von angesagten Dessous.

Es gibt die Rückfrage einer Kundin an Marina: Was denn aus ihren Träumen geworden sei und warum sie hier als Taxifahrerin arbeite?

Der Film zeigt auch das Leben der Frauen außerhalb der Taxis. Gaulke besuchte sie in ihren Wohnungen, sprach mit ihren Familien. Auffallend dabei ist die Abwesenheit von Männern. Allas Mann starb, Marinas ging mit ihrer Nichte davon und Viktoria hat dem “ganzen Liebeszeug” abgeschworen. Liebe sei nur ein kurzer Moment.

Iti samusch, sagen die drei, “einen Mann heiraten” bedeute wörtlich: “sich hinter einem Mann verstecken”. Das wollen sie nicht mehr. Geblieben sind die Kinder, die Wodkaabende in Marinas verräucherter Datsche, das selbst verdiente Geld, der Spott - und die Sehnsucht. Die russische Seele liegt meistens auf Eis, wird erst nach Feierabend aufgetaut. Moskau lässt nicht mehr viel Zeit für so etwas.

http://www.pinktaxi-film.de

A.S.H. | 05.03.10 13:31 | Permalink