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Rekonstruktion vorvernichteter Stasi-Unterlagen

Eine einstellige Millionensumme pro Haushaltsjahr würde die unter dem Namen "Gauck-Behörde" bekannte BStU zusätzlich benötigen, um 1989/90 vorvernichtete Stasi-Unterlagen innerhalb von 5 Jahren rekonstruieren zu können.
Im Zuge der Forderung nach einer Budgeterhöhung spricht die Behörde nur von dem Versuch der MfS-Offiziere durch Vernichtung ihrer Unterlagen die Spuren ihrer Tätigkeit Ende ‘89 zu verwischen. Nicht erwähnt bleibt die Tatsache, daß die Vernichtung von MfS-Unterlagen auch durch Beschlüsse des Runden Tisches zur Stasi-Auflösung legitimiert wurden - Mitglieder der Bürgerkommitees sogar tatkräftig bei der Vernichtung mit Hand anlegten.

DIE BUNDESBEAUFTRAGTE
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes
der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
PRESSESTELLE
Tel.: 030 2324-7171
Fax: 030 2324-7179
E-Mail: presse@bstu.bund.de

PRESSEMITTEILUNG vom 17.11.2003

Sachstand zur Rekonstruktion vorvernichteter Stasi-Unterlagen

Vorgeschichte
Ende ‘89 versuchten MfS-Offiziere die Spuren ihrer Tätigkeit zu verwischen, indem Unterlagen zerrissen und für die Vernichtung vorbereitet wurden. Nach der Besetzung von Kreis- und Bezirksstellen des MfS im Dezember ‘89 konnten Bürgerkomitees zusammen mit der Militärstaatsanwaltschaft und der Volkspolizei einen großen Teil des vorvernichteten Materials sichern.

Nach Gründung der Behörde des BStU wurden ca. 16.000 Säcke gezählt, die ca. 600 Millionen Papierschnipsel enthalten.

Manuelle Rekonstruktion
Im Jahr 1995 wurde in Zirndorf bei Nürnberg damit begonnen, besonders relevante Unterlagen per Hand zusammenzusetzen. Die so genannte Projektgruppe Rekonstruktion hat seither über 500.000 Blatt wieder zusammengefügt; das entspricht ca. 10 Blatt pro Tag und Mitarbeiter. Materialien aus 250 Säcken konnten rekonstruiert werden.

Erschließung und Gehalt der Unterlagen
Mit Hilfe der manuellen Rekonstruktion konnten ca. 1000 Vorgänge rekonstruiert werden, die von erheblicher öffentlicher Bedeutung waren. Bei IM-Unterlagen wie Verpflichtungserklärungen handelt sich um Unikate, für die es keine adäquate Doppelüberlieferung geben kann. Wiederhergestellt wurden aber auch Opferakten, mit deren Hilfe Menschen, die von der Stasi verfolgt wurden, ihre Rehabilitierung betreiben können. In den Säcken befinden sich auch Spionageunterlagen der Abt. XV, die besonders rar überliefert sind. Die Erschließungsergebnisse bestätigten die Annahme, dass die Stasioffiziere 1989 vor allem aktuelle und brisante Unterlagen aus den letzten 20 Jahren der DDR zu vernichten suchten.

Bundestagsentschließung
Motiviert durch die Befunde der Zirndorfer Arbeit forderte der Deutsche Bundestag in einem fraktionsübergreifenden Beschluss vom Dezember 2000 die Bundesregierung auf, die BStU bei ihren Bemühungen, das aufwendige manuelle Verfahren durch ein geeignetes IT-gestütztes Verfahren abzulösen, zu unterstützen.

Dies war Veranlassung für die BStU, schnellere und effektivere Alternativen zur händischen Erschließung der Unterlagen aus den Papiersäcken zu suchen, nachdem sich erste Überlegungen als zu kostspielig erwiesen hatten.

Machbarkeitsstudie
Nach einer erneuten kritischen Würdigung der Vorgaben zur Rekonstruktion wurde europaweit eine Machbarkeitsstudie ausgeschrieben. Sie sollte klären, ob und mit welchem Aufwand eine IT-gestützte Rekonstruktion der Unterlagen innerhalb von 5 Jahren möglich wäre.

Den Zuschlag bekam im Jahr 2003 das Konsortium Gesellschaft für beleglose Dokumentenbearbeitung (GbD) – Member of Lufthansa Systems/Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK, das sich gegenüber einer Reihe von qualifizierten Mitbewerbern durchsetzte.

Ergebnisse der Studie
Im Sommer 2003 legte das Konsortium GdB/Fraunhofer-Institut (IPK) folgende Ergebnisse seiner Studie vor:

Die Rekonstruktion und Grobsichtung der Unterlagen aus 600 Millionen Schnipseln ist innerhalb von 5 Jahren möglich.
Als Technologie wird empfohlen, die Schnipsel in Folien einzuschweißen, um sie dann in mehreren Hochleistungsscannerstraßen elektronisch einzulesen und die gewonnenen Dateien auf 100 parallel geschalteten PC elektronisch zusammensetzen und im Anschluss grob sichten zu lassen.
Die Leistung könnte zum Teil durch Outsourcing, zum Teil mit eigenen Mitteln der BStU realisiert werden.
Die BStU würde pro Haushaltsjahr eine einstellige Millionensumme zusätzlich benötigen, um die Aufgabe innerhalb von 5 Jahren bewältigen zu können.

Perspektive
Die Ergebnisse dieser Studie wurden von der Bundesbeauftragten im Oktober 2003 dem BMI zugeleitet und vor Abgeordneten des Deutschen Bundestages vorgestellt.

Christian Booß, Pressesprecher

Pressemitteilungen auch unter www.bstu.de

A.S.H. | 17.11.03 15:11 | Permalink